Kollisionsgefahr von Weißstörchen

In der zentralen Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesumweltamt Brandenburg “Vogelverluste an Windenergieanlagen in Deutschland”, die etwa ab 2000 geführt wird, sind insgesamt 17 Weißstörche aufgelistet, die an Windenergieanlagen kollidiert sind. Von den 116 Vogelarten, die als Schlagopfer bekannt geworden sind, ist der Weißstorch die Nummer 16 in der Rangfolge der Häufigkeit der Funde.

„Windkraft im Visier“ fragte den Naturschutzbeauftragter für die Weißstorchbetreuung in der Region Hannover, Dr. Reinhard Löhmer, was hinter den Zahlen steckt und was zum Schutz des Weißstorches getan werden kann.

Sind Ihnen weitere Kollisionen bekannt, die in der Schlagopferkartei nicht aufgeführt sind?

Ich betreue seit ca. 40 Jahren ein Gebiet mit ca. 50 Horsten und bin in der Fläche mit InformantInnen relativ gut vernetzt. Bisher ist mir kein Unfall gemeldet worden, obwohl es eine Reihe von Windkraftanlagen auch in der Nähe von Horsten gibt. Ein hundertprozentiger Ausschluss von Unfallopfern ist das aber nicht!

Haben diese – in Relation zu anderen Vogelarten – doch recht häufig erscheinenden Kollisionen an Windenergieanlagen eine Auswirkung auf den örtlichen Brutbestand oder den Brutbestand des Weißstorchs an sich?

Zur Problematik WKA und Weißstorch kenne ich nur eine (Raumnutzungs-)Untersuchung an einem Brutpaar von D. Dörfel (Quelle Nr.1). Hier sind über eine Brutsaison keine Störungen festgestellt worden sind.

Der Weltbestand des Weißstorchs hat sich nach einem Tief Ende der 1980-iger Jahre in den letzten 20 Jahren deutlich erholt (> 230.000 Brutpaare). Der internationale Zensus 2004/05 hat für die Westpopulation innerhalb von 10 Jahren fast eine Verdoppelung ergeben. Die Ostpopulation dagegen wuchs „nur“ um ca. 30 % (Quelle Nr.2). Für den bundesdeutschen Brutbestand gilt Ähnliches. Während die westziehende Population ebenfalls deutlich zugenommen hat, stagniert die Zahl der Störche in den neuen Bundesländern (Quelle Nr.3).

Wenn man den positiven Trend der vergangenen Jahrzehnte mit dem gleichzeitigen, deutlichen Zuwachs an WKA’s in Beziehung setzt, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass WKA’s keine negativen Wirkungen auf den Weißstorch haben. Dennoch kann das für die WKA-Planer und -Betreiber kein Freibrief sein.

Ist für Sie erkennbar, unter welchen Voraussetzungen es zu Kollisionen kommen könnte oder sich Kollisionen häufen?

Storch auf Wiese

Störche brauchen Grünland© Andreas Köckeritz, pixelio

Die in der zentralen Funddatei enthaltenen 17 Weißstorchfunde zeigen anhand ihrer jahreszeitlichen Verteilung, dass überwiegend Vögel außerhalb der Brutzeit betroffen waren, d.h. in Zeiten größerer Mobilität im Raum. Ende Juli / Anfang August schließen sich Jungstörche und Nichtbrüter / Übersommerer zu Trupps zusammen, streifen umher und brechen dann ab Mitte August in die Winterquartiere auf.

Aufgrund ihrer höheren Mobilität, vor allem aber aufgrund der geringen Flugerfahrung der Jungstörche überraschen die höheren Verluste in dieser Jahreszeit nicht.

Was kann aus Ihrer Sicht getan werden um solche Kollisionen zu vermeiden?

Bei jeder Anlage ist u.a. die Verteilung der Störche im Raum, die Lage der Brutplätze (auch der potentiellen!) zu beachten und zu prüfen, ob es Gefährdungen geben kann.

Aus meiner Sicht muss für den Weißstorch gelten:

  • der Abstand von WKA’s und Nest muss minimal 500 m betragen
  • keine WKA darf als Barriere zwischen Nest und Hauptnahrungsgebieten gebaut werden.

Unter der Berücksichtigung, dass bei uns die Störche hauptsächlich entlang der größeren und kleineren Fliegewässer siedeln, die Nester selbst überwiegend in den Ortschaften der Flußauen liegen und die (Haupt-) Nahrungsflächen (Grünland) in den Talauen selbst liegen, darf es natürlich keine Anlage im Überschwemmungsbereich von Fließgewässern geben.

Oder gibt es andere Maßnahmen die ergriffen werden könnten, um mögliche Beeinträchtigungen zu kompensieren?

Wenn man an Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen für den Weißstorch denkt, dann sind alle lebensraumverbessernden Maßnahmen in einem Umkreis bis zu 2 km äußerst sinnvoll. So kann man Brutvögel bei der Nahrungssuche mit Blick auf geplante / vorhandene Windkraftanlagen an ungefährliche Räume binden.

Wäre die Unterstützung von Aufzuchtstationen, in denen unterversorgte oder kranke Jungvögel betreut und Altvögel gefüttert werden, um unnötige Verluste von Individuen zu verhindern, ein sinnvoller Ansatz?

Die Unterstützung von Bertreuungs-, Aufzuchts- oder Fütterungsstationen ist aus zoologischer Sicht abzulehnen. Als ein (ökonomisch ausgerichteter) Nahrungsopportunist lässt sich der Storch sehr leicht / schnell an Futterstellen gewöhnen und ganzjährig binden. Veränderungen im Zug-/ Überwinterungsverhalten sind die Folge und bereits mehrfach nachgewiesen worden.

Wenn nicht der Einzelfall betrachtet würde, sondern eher die Auswirkung der Windenergienutzung in Deutschland an sich, wären es dann möglicherweise sinnvoll, wenn die Windenergiebranche zum Schadensausgleich lebensraumverbessernde Maßnahmen finanzieren würde?

Jeder, der über die Probleme unserer Energieversorgung informiert ist und letztendlich die Nutzung der erneuerbaren Energien befürwortet, wird die Windkraftanlagen akzeptieren müssen – allerdings immer unter der Maßgabe einer größtmöglichen Rücksichtnahme auf die im Lauftraum aktiven Vögel und Fledermäuse. Verluste müssen so gering wie möglich gehalten werden.

Der Storch ist als ein sich vielseitig ernährender Beutegreifer ein essentieller Anzeiger für die ökologische Qualität unserer (Kultur-)Lebensräume und damit für den Naturschutz von größtem Wert. Er verfügt als Weitstreckenzieher über eine faszinierende Biologie. Diese artspezifischen Qualitäten zu erhalten, muss das oberste Ziel der Schutzbemühungen sein. Das geht nur über den Flächenschutz und nicht über Einzelartenschutz-Maßnahmen wie Zucht, Auswilderung oder (Zu-)Fütterung.

Es ist nicht sicher, ob die gegenwärtige Bestandsdichte aufrechterhalten werden kann. Eine Stabilisierung / Verbesserung der ökologischen Substanz in den Brutzeitlebensräumen muss daher oberstes Ziel im Storchenschutz sein. Dabei kommt dem Erhalt bzw. der Neuschaffung von Grünland eine tragende Rolle zu.

Portrait Dr. Reinhard LöhmerDr. Reinhard Löhmer
ist Naturschutzbeauftragter für die Weißstorchbetreuung in der Region Hannover. Er betreut seit Jahrzehnten neben seiner beruflichen Tätigkeit als Biologe an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (seit 2008 im Ruhestand) ehrenamtlich Weißstörche und koordinierte bis vor wenigen Jahren die Betreuung in Niedersachsen.


Die Antworten von Dr. Reinhard Löhmer wurden gekürzt wiedergegeben.
Das ungekürzte Originaldokument bieten wir Ihnen zum Download an (PDF, 320kb).


Quellen:

Nr.1: DÖRFEL, D.(2008): Windenergie und Vögel – Nahrungsflächenmonitoring des Frehner Weißstorchbrutpaares im zweiten Jahr nach Errichtung der Wundkraftanlagen. In: KAATZ,C; KAATZ, Me: 3. Jubiläumsband Weißstorch. Loburg

Nr. 2: Zensus Nachrichten – Informationen zum VI. Internationalen Weißstorchzensus 2004/2005 Nr.3, 2006. Michael-Otto-Institut im NABU, Bergenhusen

Nr. 3: BAG Weißstorchschutz (2009): Weißstorcherfassung 2008 in Deutschland. Mitteilungsblatt 101, Loburg

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